Kanada 2011 – Indian Summer

Drei Millionen Einwohner habe Toronto, erzählt der Führer im Sightseeing Bus und mehr als die Hälfte davon kämen von außerhalb Kanadas. Tatsächlich besteht das Straßenbild aus einer bunten Mischung Menschen aus den verschiedensten Ländern. Chinatown, Little Italy, Little Portugal usw. lesen wir zum Beispiel auf dem Stadtplan. Unser Hotel liegt im financial district, zahllose Menschen in Anzügen oder Business-Kostümen eilen durch die Straßen. An jeder Ecke gibt es Cafés, in denen Geschäftsleute mit ihren Laptops sitzen. Aber auch Obdachlose, in Decken und Planen eingewickelt, sieht man auf der Straße sitzen oder liegen. Erfolg und Misserfolg, reich und arm sind hier oft nur durch eine Fensterscheibe getrennt. Ein paar Straßen weiter liegt das Eaton-Center, eine riesige Shopping Mall, in der auf mehreren Ebenen Geschäfte, Boutiquen oder Fresstempel ihre Waren anbieten. Gleich um die Ecke ist eine kleine Kirche zwischen den Wolkenkratzern versteckt. Hier gibt es kostenlose Mahlzeiten für diejenigen, die sich im Konsumtempel nichts leisten können. Nur einige Beispiele der finanziellen Gegensätze, wie sie für Nordamerika typisch zu sein scheinen. Toronto glänzt aber auch durch architektonische Gegensätze. Zwischen all den modernen Hochhäusern finden sich immer wieder Gebäude, meist Kirchen, die vom Baustil her anachronistisch wirken. Die St. James Kathedrale, das alte Rathaus, oder das einem mittelalterlichen europäischen Schloss nachempfundene Casa Loma (span. „Haus auf dem Hügel“). Unter der Stadt gibt es den sogenannten „Path“, ein unterirdisches Tunnelsystem mit einer Länge von 27 Kilometern und einer Gesamtfläche von fast 372.000 Quadratmetern. Gleich neben unserem Hotel gibt es einen Zugang in die Tiefe. Auch hier gibt es Boutiquen, Schuhgeschäfte, Zahnärzte, Augenärzte, Obst- und Gemüsestände und vor allem auch Schnellrestaurants.

Uns gefällt es an der Oberfläche besser, zumal wir mit Sonnenschein und Temperaturen von bis zu 26°C verwöhnt werden. Am Ufer des Ontariosees warten Ausflugsboote auf Passagiere, sie bieten Hafenrundfahrten an und setzen zu den vorgelagerten Inseln über. Petra und ich entscheiden uns für die Inseltour und lassen uns übersetzen. Vom Boot aus hat man eine sehr schöne Sicht auf die Skyline der Stadt. Die Wolkenkratzer werden vom weithin sichtbaren CN-Tower überragt. Mit seinen 553 Metern Höhe war der Fernsehturm das höchste freistehende und nicht abgespannte Bauwerk der Erde, bis im Jahre 2007 dieser Titel vom Burj Khalifa in Dubai übernommen wurde. Auf der Insel gibt es einen Schaubauernhof, mit Federvieh, Schweinen, Schafen und Ziegen, daneben auch Pferde und einige Kühe. Den Streichelzoo für Kinder lassen wir links liegen und laufen zur Südseite der Insel hinüber. Gerade findet ein Laufwettbewerb statt, an dem nur Frauen teilnehmen, gesucht wird das Island-Girl 2011. Wir flanieren am Ufer des Ontariosees entlang und suchen den Leuchtturm, der auf der Karte eingezeichnet ist. Dabei beobachten wir eine Menge Kanadagänse, die auf den Wiesenflächen nach Futter suchen, um sich für den Flug nach Süden zu stärken. Wir laufen schon eine ganze Weile herum und finden diesen dummen Turm nicht. Eigentlich sollte man ein solch hohes Gebäude schon von weitem sehen, doch nicht in diesem Fall. Ganz versteckt, hinter einer Baumgruppe, entdecken wir das rot-weiß gestreifte Lighthouse dann doch noch. Am Nachmittag fahren wir wieder zum Festland zurück, um die morgige Tour zu den Niagara Fällen vorzubereiten.

Schon früh am Morgen starten wir in Toronto. Im zähflüssigen Berufsverkehr arbeiten wir uns nach Westen vor. Nach dem wir die Stadtgrenzen hinter uns gelassen haben, wird der Verkehr weniger und wir können wieder frei fahren. Als wir in der Stadt Niagara Falls ankommen, sehen wir eine große Wolke aufsteigen. Das ist die Gischt der Wasserfälle und auf dem Weg zum Parkplatz müssen wir dort durch fahren. Man glaubt durch einen Regenschauer zu fahren, die Scheibenwischer laufen und die Tropfen prasseln auf das Dach. So zeitig am Tag ist noch nicht viel los und entgegen den Beschreibungen im Reiseführer, finden wir leicht einen Parkplatz. Im Visitor-Center erwerben wir eine Tageskarte für „alle Attraktionen“ und werden gleich ins Kino weitergeleitet. Dort wird ein Film zur Entstehung der Fälle gezeigt, natürlich zum Teil als Zeichentrickfilm, mit Eichhörnchen und Eulen als Protagonisten – Disney lässt grüßen. Danach müssen wir uns blaue Plastikponchos überziehen und werden in einen dunklen feuchten Raum geführt. Hier wird auf einer umlaufenden Leinwand ein weiterer Film gezeigt, dazu schneit und regnet es von der Decke, Wasser spritzt von der Seite hoch und man glaubt direkt bei den Fällen zu stehen.

Die nächste Station sind die Tunnel, die hinter die Wasserfälle führen. Diesmal bekommen wir gelbe Überzieher, die uns vor Spritzwasser schützen sollen. Die Tunnelgeschichte ist nicht ganz so spannend, man sieht halt viel Wasser vor einem offenen Tunnelende runterprasseln. Über einen anderen Gang erreicht man eine Aussichtsplattform direkt neben den Fällen. Hier steht man voll in der Gischt und die übergezogene „Plastiktüte“ kommt an ihre Grenzen. Zumindest sind die Schuhe und der untere Teil der Hosenbeine nun ein Feuchtbiotop. Mit einem Shuttlebus werden wir zur Ablegestelle der „Maid of the Mist“ kutschiert. Der Name, auf den alle hier fahrenden Schiffe getauft sind, stammt vom ersten Schiff, dass seinerzeit ganz dicht bis an die kanadischen Horseshoe Falls herangefahren ist. Diesmal bekommen wir wieder blaue Capes, bevor wir an Bord gehen. Gemütlich tuckert das Boot zuerst an den amerikanischen Fällen vorbei, die sich deutlich weniger spektakulär ergießen, als ihr kanadisches Pendant. Dann heißt es Luken dicht machen und hinein in Gischt und Getöse. Das Schiff schaukelt, von allen Seiten spritzt Wasser über die Fahrgäste und wer heute noch nicht nass geworden sein sollte, jetzt ist er es garantiert! Obwohl man fast bis auf die Haut durchweicht wird, ist es ein Wahnsinns Schauspiel den Fällen so nahe zu kommen. Das würde ich jederzeit wiederholen.

Nachdem wir etwas in der Sonne getrocknet sind und uns ein wenig Junkfood zwischen die gerade gewachsenen Kiemen gehauen haben, steigen wir wieder in den Bus. An der White Water Station steigen wir aus und folgen einigen Treppenstufen nach unten. Hier rauscht der Niagara River durch eine enge Schlucht und bildet dabei hohe Wellen mit Schaumkronen. Die Bilder von einigen Leuten sind hier ausgestellt, die die Wassermassen schwimmend überwinden wollten. Die meisten haben es wohl nicht überlebt. Einige Kilometer weiter spuckt uns der Bus beim „Strudel“ wieder aus. Hier fährt eine Art Seilbahn über einen großen Strudel, der sich durch die starke Richtungsänderung des Flusses gebildet hat. Zusammen mit ein paar Mennoniten Frauen und Touristen aus den verschiedensten Ländern, lassen wir uns über den Wasserschlund fahren. Hier möchte sicher niemand reinfallen, irgendwie schaurig-schön, ohne wirklich spektakulär zu sein. Während wir auf den Bus für die Rückfahrt warten, beginnt es zu regnen - als wären wir noch nicht genug nass geworden. Nach einigen Stationen steigen wir wieder aus und laufen zum Skylon Tower. Mit einem Außenfahrstuhl lassen wir uns zur Aussichtsplattform hinauf fahren. Ich bin nicht ganz schwindelfrei, weshalb ich mich ganz auf die turmzugewandte Seite des Lifts drücke und möglichst nicht nach unten Schaue. Auf der Plattform selbst ist es dann nicht mehr ganz so schlimm. Schlimm ist nur, dass durch das Wetter, die Sicht auf die Fälle und in die Umgebung ganz trüb geworden ist.

Auf der Fahrt zum Algonquin Provincial Park, kommen wir an einem riesigen Outfitter vorbei. Wir wollen uns ein wenig umschauen, da noch ein paar Kleinigkeiten für unseren Campingaufenthalt im Park fehlen. Der Laden ist so riesig, dass im Inneren lebensgroße Landschaften mit ausgestopften Bären, Wölfen und sogar eine kleine Herde Moschusochsen aufgestellt sind. An der Decke hängt ein echtes Wasserflugzeug und die Regalreihen sind gefüllt mit allem notwendigen und überflüssigen Zeug, was man für Camping, Jagd, Angeln usw. braucht, oder zumindest glaubt zu brauchen.

Der Algonquin Park kann auf dem Highway 60 durchquert werden. Bleibt man irgendwo auf einem Parkplatz stehen oder will man dort übernachten, benötigt man eine kostenpflichtige Genehmigung, die sichtbar hinter der Windschutzscheibe ausgelegt werden muss. Diese Genehmigungen werden auch kontrolliert, wie wir später beobachten konnten, und bei Verstößen gibt es ein Knöllchen. Beim Infocenter an der Parkeinfahrt schickt man uns zum Campingplatz weiter, bei der Anmeldung bekämen wir auch das erforderliche Permit. Am Zugang zum Campingplatz bekommen wir gleich eine Gänsehaut, auf einem Schild werden die Gäste angewiesen, die Lebensmittel den Vorschriften entsprechend zu verstauen, da ein Bär in der Gegend sei. Nachdem wir uns angemeldet und das Permit bekommen haben, suchen wir unseren zugewiesenen Platz und bauen das Zelt auf. Die einzelnen Zeltplätze liegen mitten in einem dichten Laubwald und sind mit einer Tisch-/Bank Kombination und einer Feuerstelle ausgestattet. Der nächste Nachbarplatz ist ein ganzes Stück entfernt und durch den dichten Blätterwald kaum auszumachen. Wenigstens würde man den Bären hören, wenn er durch das am Boden liegende Laub stapft, aber ob das hilft ;-). Unterwegs haben wir eingekauft und nun kochen wir unser Abendessen, in der Hoffnung, dass wir das ohne Besuch von Meister Petz verspeisen können. Mit Hilfe der Unterlagen, die wir im Infocenter bekommen haben, planen wir nach dem Essen noch die Wanderungen für den morgigen Tag. Doch schon bald müssen wir in die Schlafsäcke kriechen, da es im dichten Wald rasch dunkel wird und es langsam auch richtig kalt geworden ist.

Petra hat die ganze Nacht durch gefroren. Ihr neuer Schlafsack reicht gerade für ein beheiztes Zimmer, das habe ich dem Teil schon angesehen, als sie ihn ausgepackt hatte. Das Thermometer zeigt gerade mal 2°C an, nicht gerade ideal für ein Frühstück vor dem Zelt. Wir fahren zu einem der Outfitter im Park und besorgen meiner Schwester erst einmal einen gescheiten Schlafsack. Wir haben Glück im Unglück, die Schlafsäcke sind gerade um 30 % im Preis reduziert, da die Saison zu Ende ist. Außerdem bekommen wir dort auch einen heißen Kaffee. Auch wenn die „amerikanische Plörre“ recht wenig mit dem bei uns typischen Kaffee gemeinsam hat, uns tut das warme Getränk gut. Brot, Käse usw. haben wir schon als Wegzehrung eingepackt, so dass wir im Warmen frühstücken, bevor wir auf Wanderschaft gehen.

Der erste Rundweg, den wir ansteuern, ist der Beaver Pond Trail. Er führt uns auf einem 2,4 Kilometer langen Pfad um Seen und Teiche, die zum Teil durch Biberdämme angestaut wurden. An zwei der Dämme führt der Weg vorbei. Mitten im Wasser sind auch einige Biberbauten zu erkennen, nur die scheuen Tiere selbst können wir nirgends ausmachen. Wahrscheinlich kommen sie nur in der Dämmerung heraus. Zumindest können wir einige Kanadagänse beobachten, die auf einem der Teiche schwimmen und auch Moorhühner, die über die Wiesen laufen und nach Futter suchen.

Ein Stück weiter auf dem Highway 60 liegt der Lookout Trail. Die zahlreichen Autos auf dem Parkplatz zeigen, dass dieser Rundweg wohl eine Wanderung wert sein könnte. Tatsächlich ist auf den Wegen auch einiges los. Zunächst laufen wir durch dichten Wald, bis wir einen Aufstieg auf einen Felsen erreichen. Wir erklimmen die kahle Kuppe, auf dem schon 15 oder 20 Leute stehen und die Aussicht genießen. Von hier aus kann hier weit über ein Tal blicken, an dessen Horizont das Blau eines Sees zwischen den bunt belaubten Wäldern hindurch leuchtet. Ein paar hundert Meter weiter gibt es noch einen ähnlichen Aussichtspunkt. Hier sind wir fast alleine und können in Ruhe die Natur auf uns wirken lassen. Nach insgesamt ca. 2,6 Kilometern erreichen wir wieder den Parkplatz und fahren zum nächsten Trail weiter.

Der 2,2 Kilometer lange Spruce Blog Trail führt durch ein Sumpfgebiet. Die feuchten Stellen sind mit Stegen überbrückt, auf denen man trockenen Fußes das Moor überqueren kann. Im bewaldeten Teil des Wanderweges können wir ein paar Hirsche beim Äsen beobachten und auch einen Hasen, der sich auf einer Lichtung sonnt. Der Wind steht für uns günstig, so dass wir die Tiere eine ganze Weile im Blickfeld behalten können.

Bevor wir zum Campingplatz zurückkehren, nehmen wir noch den Two Rivers Trail unter die Schuhsohlen. Mit 5,7 Kilometern ist er heute unser längster Rundweg. Zwischen grünen Nadelbäumen stehen Laubbäume mit einem Farbspektrum vom zarten Gelb bis zu einem leuchtenden Feuerrot. Im Dickicht schrecken wir einen Rotfuchs auf, der sich jedoch nur ganz gemächlich aus dem Staub macht. Anscheinend weiß er, dass von uns keine Gefahr ausgeht. Doch wir haben heute noch mehr „Jagdglück“, zwei junge Elche brechen durch das Unterholz. Wir bleiben ganz leise stehen und beobachten, wie die beiden durch das Dickicht staksen. Ein tolles Erlebnis die großen Tiere in freier Natur zu beobachten. Nach dem Erlebnis haben wir uns eine Kaffeepause verdient. Die nötigen Zutaten haben wir im Auto liegen und so packen wir alles zusammen und machen ein Picknick auf dem Steg eines Sees. Das Wasser im Jetboil ist ruckzuck heiß und zum Kaffee gibt es ein paar leckere Kekse.

Abends besuchen wir im Visitor-Center einen Vortrag über Bären. Ein im Park tätiger Biologe zeigt Filme und Bilder und erklärt, wie man sich beim Zusammentreffen verhalten soll. Nahrungsmittel, Getränke, Seife usw. sollte man im Kofferraum einschließen und nicht im Zelt lassen. Im Gegensatz zu den Bären im Westen von Kanada und USA, wissen die hier lebenden Exemplare nicht, wie man ein Auto „aufmacht“. Vor drei Jahren in Kalifornien mussten wir alles, was Bären anlockt, in spezielle Stahlkästen deponieren, die dort an jedem Campingplatz aufgestellt sind. Dort können die Bären das Blech der Autos aufreißen, um an die leckeren Sachen zu kommen.

Der neue Schlafsack hat seinen Dienst bestens verrichtet, Petra musste die letzte Nacht nicht frieren. Nach dem Frühstück am Zelt rüsten wir uns für eine längere Wanderetappe. Der Mizzi Lake Trail ist über 10 Kilometer lang, da müssen wir etwas Wasser und auch etwas zu essen mitnehmen. Die Nahrungsmittel packen wir mehrfach in Plastiktüten ein und hoffen, dass die feinen Nasen der Bären „keinen Wind“ davon bekommen. Unterwegs finden wir einige Baumstümpfe und Baumstämme, die die typischen Nagespuren von Bibern aufweisen. Nur die Nager selbst halten sich von unseren Blicken fern. Die Wege sind ziemlich wurzelig und man muss aufpassen, wo man hin tritt. Im dunklen Wald ist es manchmal beängstigend leise. Ab und zu knackt irgendwo ein Ast, sofort steigt die Angst in uns auf, ob da vielleicht ein Bär auftaucht. Doch außer Pilzen, Bäumen und Teichen sehen wir nichts. Hinter einer großen Lichtung biegen wir wieder in ein Waldstück ab. Nach ein paar hundert Metern dann unsere erste „Beute“. Zwei Füchse liegen im Gras und dösen. Kaum habe ich die Kamera im Anschlag, wittern oder hören sie uns. Das Auslösegeräusch der Kamera schlägt sie dann leider in die Flucht. Ca. zwei Kilometer weiter, in einem aufgelockerten Waldstück, hören wir wieder etwas rascheln. Wir bleiben wie angewurzelt stehen und starren zwischen die Bäume. Unser Herz klopft bis zum Hals, als wir die Umrisse von gleich zwei Schwarzbären ausmachen. Einer von ihnen macht sich gleich aus dem Staub, der andere schaut genauso neugierig zu uns rüber, wie wir zu ihm. Mit zitternden Händen mache ich ein paar Fotos, dann trollt sich auch der zweite Meister Petz. Irgendwie mischt sich Freude mit Furcht, leise gehen wir weiter und schauen uns ständig um, ob wir nicht vielleicht doch verfolgt werden.

Am Ufer eines Sees werden wir dann doch noch verfolgt. Zum Glück nur von Grey Jays, das sind Vögel, die unseren Elstern ähnlich sehen. Sie fliegen ständig ganz dicht über uns und setzen sich dann auf einen Ast und beobachten uns. Ich nutze das Spielchen zum Fotografieren der Tiere. Daneben kann ich noch ein Eichhörnchen ablichten, das um uns herum wuselt und Futter sucht. Während wir das Treiben um uns herum beobachten, kommen zwei weitere Wanderer an uns vorbei. Sie haben keine Bären gesehen und sind sichtlich froh darüber. Die beiden sind aber auch flotten Schrittes unterwegs und nicht gerade leise. Das wird die meisten Tiere abschrecken. Kurz vor dem Ende des Rundwegs kommen wir an einem moorigen See vorbei. Hier wachsen Wollgras, Rohrkolben und auch fleischfressende Pflanzen. Und was ist dort am Rande des Teiches? Ein halbausgewachsener Elch steht im Wasser und kaut bedächtig an den Wasserpflanzen. Das Vieh lässt sich von uns überhaupt nicht stören, als wir auf dem Weg ganz nahe an ihm vorbei laufen. Selbst das Klicken unserer Kameras lässt ihn kalt, während wir vor Freude Gänsehaut bekommen. Wieder beim Auto zurück, lassen wir den ereignisreichen Tag Revue passieren. Wir haben schöne Landschaften und viele Tiere gesehen und die großen Exemplare haben uns sogar in Ruhe gelassen ;-). Zufrieden fahren wir zum Campingplatz zurück und freuen uns schon auf das Sichten der Bilder.

Abends kaufen wir beim Ranger etwas Feuerholz und mit einer kleinen Axt, die wir vorher noch bei einem der Outfitter im Park besorgt haben, hacken wir die Scheite klein, um das Feuer besser entzünden zu können. Eine richtige Axt wäre besser gewesen als das Mini-Teil, aber schließlich brennt das Lagerfeuer. Kaum stehen auch die dicken Scheite in Flammen, beginnt es zu regnen und wir flüchten ins Zelt. Das war es auch schon mit Lagerfeuerromantik und Trapperleben in der Wildnis. Morgen ziehen wir weiter und müssen das Zelt dann auch noch nass einpacken :-(.

Über Ottawa, Montreal und Québec City fahren wir in Richtung Osten, nach Tadoussac am St. Lorenz Strom. Hier wollen wir mit einem Schiff hinaus fahren und Wale beobachten. Im Staat Québec fühlt man sich wie in Frankreich. Alles ist französisch geschrieben, die Leute sprechen ausschließlich Französisch und wir haben Probleme uns auf Englisch verständlich zu machen. Einige Einheimische teilen uns mit, dass die Regierung von Québec rigoros gegen alle englischen Einflüsse vorgeht. Doch die Menschen bemühen sich unsere begrenzten Französischkenntnisse mit ihren begrenzen Englischkenntnissen auszugleichen. Das Örtchen Tadoussac liegt am anderen Ufer des Saguenay Rivers. Es gibt eine kostenlose Fähre, mit der wir den Fluss überqueren. Tadoussac ist recht klein und macht einen etwas verschlafenen Eindruck. Momentan ist nicht allzu viel los, da wir am Ende der Saison eintreffen. Trotzdem merkt man, dass hier alles auf Tourismus eingestellt ist. Im Sommer ist hier sicher viel mehr Betrieb. Wir nehmen uns ein Zimmer und spazieren durch die wenigen Straßen. Es gibt eine größere Kirche, eine Kapelle, ein großes altes Hotel und viele Zimmerangebote. Die meisten Häuser sind nett hergerichtet und strahlen irgendwie eine Zufriedenheit aus. Wir gehen zum Hafen hinunter und inspizieren die Angebote und Abfahrtszeiten der Schiffe. Eigentlich würden wir gerne mit einem der großen Zodiacs (Schlauchboote) rausfahren, doch angeblich fahren die morgen nicht raus. So kaufen wir Tickets für das große Schiff und einigen uns auf die 13:30 Uhr Tour – weil das Wetter erst gegen Mittag schön werden soll. Auf dem Rückweg kaufen wir noch ein paar Lebensmittel ein, bevor wir wieder zum Zimmer zurückkehren.

Zur Abwechslung ist das Frühstück im Zimmerpreis inbegriffen. Wir haben nicht viel erwartet und unsere Erwartungen werden erfüllt ;-). Doch wir sind satt und haben eine warme Flüssigkeit im Magen. Bis zur Abfahrt haben wir noch Zeit und so umrunden wir zu Fuß die vorgelagerte Halbinsel. Wir können weit in den Fjord des Saguenay River hinein schauen und haben einen Blick auf den breiten St. Lorenz Strom. Das gegenüberliegende Ufer können wir kaum erkennen. Weit draußen im Strom steht einsam der Leuchtturm von Tadoussac. Mit dem Schiff werden wir sicher näher heran kommen. Um 12:00 Uhr öffnet das Walmuseum am Hafen, das wir auch noch besuchen. Neben Walskeletten gibt es zahlreiche interaktive Filme, Schautafeln und Infos. Das Meiste natürlich auf Französisch. Doch die Leute dort sind sehr um uns bemüht. Ein gut Englisch sprechender Mitarbeiter führt uns herum und erklärt uns vieles. Er lädt uns zu einem Film über die Wale im St. Lorenz Strom ein, der nur wegen uns in Englisch ausgestrahlt wird. Wir verschieben den Film auf den Nachmittag, wenn wir von der Bootstour zurückkommen. Die Kassiererin bietet uns sogar an, unsere Einkäufe so lange bei ihr zu lassen, damit wir sie nicht auf dem Boot herumschleppen müssen.

Unser Schiff legt pünktlich ab. Außer uns sind noch eine Reihe anderer Passagiere an Bord, jedoch ist die Kapazität nicht mal zur Hälfte besetzt. Wir sind warm angezogen, doch hier draußen zieht es wie Hechtsuppe. Meine Finger, die das Tele halten, sind ganz klamm. Wir werden von einigen Zodiacs anderer Anbieter überholt und sind froh, auf dem großen Schiff zu sein. Die dortigen Passagiere werden ständig vom aufspritzenden Wasser überregnet und frieren sicher noch mehr als wir. Außerdem würde die Kameraausrüstung dort richtig nass werden, also wäre mit Fotografieren auch nichts drin. Auf unserem Schiff ist eine Art Reiseleiterin, die auf Französisch und Englisch, später sogar auf Spanisch, allerlei zu den hier vorkommenden Walen erklärt. Außerdem gibt sie durch, an welcher Stelle die Meeressäuger auftauchen, denn das Schiff ortet sie mit Sonar und fährt dann zu den Stellen hin, wo die Tiere entlang schwimmen. Näher als 400 Meter dürfen sich die Boote nicht nähern, für meine 400 Millimeter Brennweite reicht das. Wir sehen einige Delfine aus dem Wasser springen, jedoch sind die zu schnell wieder weg. Dann bestaunen wir einige Finnwale, die bis zu 25 Meter lang und zwischen 50 und 80 Tonnen schwer werden. Leider gehört diese Art zu den Walen, die ihre Schwanzflosse nicht aus dem Wasser strecken und auch nicht springen. So sehen wir nur den Blas und den Rücken mit der kleinen Rückenflosse. Trotzdem ist es ein tolles Erlebnis die riesigen Tiere durch das Wasser ziehen zu sehen. Nach einer Stunde, länger darf man die Wale nicht stören, fahren wir wieder zum Hafen zurück. Jetzt sitzen wir jedoch unter Deck und wärmen uns im Schiffsrestaurant bei einer Tasse „Plörre“ auf.

Am nächsten Tag fahren wir parallel zum St. Lorenz Strom weiter nach Nordosten hinauf. Wir wollen zu einem Leuchtturm und zu Plätzen mit Schiffswracks fahren, die in den Prospekten als sehenswert empfohlen werden. Unterwegs sehen wir bewaldete Dünen und genießen die weiten Blicke über den Strom. Nach eineinhalb Stunden merken wir, dass irgendetwas an unserem Weg nicht stimmen kann. Wir studieren nochmal den Plan und merken dann, dass wir die Entfernungstabelle falsch gelesen haben. Die Entfernungen sind in Fahrzeiten angegeben und nicht in Kilometern. Und die 30 Minuten bis zum Leuchtturm sind nicht von Tadoussac aus gemessen, sondern von dem Aussichtspunkt vor dem Leuchtturm. Das heißt, dass wir bis heute Nachmittag unterwegs sein würden, aber die Zeit haben wir leider nicht. Wir kehren also um und fahren zum Saguenay River zurück. An seinem östlichen Ufer führt die Fjordroute zum Lac St. Jean, den wir umrunden wollen.

Unterwegs versuchen wir mehrmals abzubiegen und zu den Ufern der Fjorde zu fahren, doch jedes Mal müssten wir kostenpflichtig in einen Nationalpark fahren und dann noch mindestens ein dreiviertel Stunde laufen. Das Laufen schreckt uns nicht ab, aber der Zeitbedarf. Wir haben noch zweieinhalb Tage bis zum Rückflug und sind noch über tausend Kilometer von Toronto entfernt. So bleiben uns nur die Fahrt durch die buntbelaubten Wälder und der Blick auf die parallel verlaufenden Flüsschen, die zahlreiche Angler anziehen. Einmal finden wir doch noch eine Möglichkeit zu einem Fjordufer zu kommen. Doch gerade dort ist es weniger spektakulär als gedacht. Wenigstens können wir dort ein spätes Mittagessen einnehmen, bevor wir weiter zum See fahren. Vom See bekommen wir leider nicht viel mit, nur dass er sehr groß ist. So richtig kommen wir nicht ans Ufer ran, so dass wir mit den umliegenden Wäldern vorlieb nehmen. Auf den abgeernteten Feldern haben sich tausende Gänse versammelt, um sich für den Flug in den Süden zu stärken. Neben Kanadagänsen sind es vor allem Schneegänse, letztere überziehen wie ein weißer Teppich das Goldgelb der Stoppelfelder. Als wir uns nähern, wird das Geschnatter immer lauter und die Hälse strecken sich in die Höhe. Als Kind bin ich mal von einer Gänseherde verfolgt worden, deshalb lasse ich einen guten Sicherheitsabstand - zu meiner Sicherheit ;-) - zwischen dem Federvieh und mir.

Nach einer Übernachtung in einem Motel in Dolbeau bleibt uns nur noch die Rückfahrt nach Toronto. Durch bunte Wälder führt uns eine Art Landstraße bis nach Trois-Rivières. Ab und zu kommt uns ein Auto mit einem Elchkopf auf dem Dach entgegen. Es ist Jagdzeit und die erfolgreichen Jäger beweisen so ihr Jagdglück. In unsere Richtung fährt kaum jemand, der Verkehr in Gegenrichtung ist jedoch recht stark. Die Kanadier haben ein langes Wochenende (Thanksgiving) vor sich und fahren dazu mit Wohnmobilen oder Pickups mit Quads auf der Ladefläche in die Wälder. Wahrscheinlich wollen die meisten Angeln und Jagen, gut dass wir nun aus der Schusslinie sind ;-). Ab Trois-Rivières rollen wir wieder auf einem sechsspurigen Highway dahin. Obwohl wir schon 10 km/h schneller als die erlaubten 100 km/h fahren, sind wir die langsamsten auf der Straße. Da schrecken auch die Schilder mit den Warnungen nicht ab, dass die Geschwindigkeit vom Flugzeug aus gemessen wird. Ab und an stehen auch Schilder mit den Bußgeldhöhen am Straßenrand. Die Tabelle beginnt bei 20 km/h Überschreitung, da wären es 95 CAD und endet bei einer Überschreitung von 50 km/h, bei der 10.000 CAD fällig wären. Da lohnt es sich doch, den Gasfuß im Zaum zu halten.

Einige Kilometer vor Montreal übernachten wir wieder in einem Motel. Der Typ an der Rezeption gibt uns zwar extra ein Nichtraucherzimmer, doch darin riecht es wie in einem alten Aschenbecher. Also erst mal die Fenster auf und alles auf Durchzug stellen. Der Gestank geht zwar nicht wirklich raus, doch irgendwann hat man sich halbwegs dran gewöhnt (igitt). Vor der Suche nach einer Unterkunft haben wir wieder etwas eingekauft und bereiten uns die Mahlzeit im Zimmer zu. Dann wie immer das gleiche abendliche Spiel, Tracks vom GPS holen, Bilder von den Speicherkarten kopieren und die nächste Route planen.

Über eine kostenpflichtige Brücke (2,75 USD) überqueren wir den St. Lorenz Strom und reisen in die USA, Bundesstaat New York, ein. Den seit einiger Zeit für die Einreise in die USA notwendigen ESTA-Antrag hatten wir schon zuhause ausgefüllt und genehmigt bekommen. Trotzdem müssen wir hier nochmal die gleichen Formulare ausfüllen und 6 USD Einreisegebühr bezahlen. Die Grenzer sind alle sehr freundlich, ich verstehe nur nicht, warum sie hier im Bürogebäude mit einer schusssicheren Weste bekleidet sind. Danach fahren wir auf Landstraßen auf der anderen Seite des Stromes Richtung Westen weiter. Einige neue Schilder fallen uns auf, so wird zum Beispiel auf die langsamen Kutschen der Amish People hingewiesen, die hier unterwegs sein können. Tatsächlich sehen wir nur einmal eine Frau mit Pferdekutsche am Straßenrand stehen und irgendwelche Sachen verkaufen. Bis wir das so richtig schnallen, sind wir auch schon weit vorbei gefahren. Es wäre sicher interessant gewesen, sich diesen Verkaufsstand einmal anzusehen. Ansonsten ist es hier ziemlich langweilig. Große Felder wechseln sich ab mit mehr oder weniger verfallenen oder herrschaftlichen Gehöften. Wir durchfahren einige Kleinstädte, die so richtig nach Provinznest aussehen. Nervig ist auch, dass hier alles in Meilen, Yards und Zoll angeschrieben steht. Zum Glück kann ich in meinem GPS die Einheiten umstellen, so dass ich nun immer die korrekten Geschwindigkeiten und Entfernungen angezeigt bekomme, ohne rechnen zu müssen. Damit wir nicht den langen Umweg um den Ontariosee nehmen und wieder an den Niagara Fällen rauskommen, fahren wir vorher noch über eine weitere Mautpflichtige Brücke (2,50 USD) nach Kanada zurück.

Etwas außerhalb von Toronto beziehen wir unser letztes Quartier. Hier ordnen wir unser Gepäck, so dass wir möglichst ohne Übergepäck in den Flieger einsteigen können, wir sind da schon hart an der Grenze, wenn nicht sogar schon darüber. Mit frisch sortiertem Gepäck fahren wir nach Toronto hinein. Wir haben noch etwas Zeit und wollen noch ein wenig durch die Stadt schlendern. Das Auto parken wir im Parkhaus am Hilton Hotel, das kennen wir ja schon von unserem Aufenthalt hier. Außerdem sind wir dort schon mitten in der Stadt mit kurzen Fußwegen zu den Geschäften und Sehenswürdigkeiten. Zuerst frühstücken wir in Ruhe im Starbuck’s, in dem wir vor einer Woche schon öfter gesessen haben. Danach flanieren wir durch die Straßen, wir haben wieder 26°C und wolkenlosen Himmel und kaufen die letzten Souvenirs. Mittags machen wir uns dann auf den Weg zum Flugplatz. Im (Über-) Gepäck jede Menge schöne Erinnerungen an ein fantastisches Land mit riesen Entfernungen, großen und kleinen Tieren und jede Menge Sehenswürdigkeiten …